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Warum ich englische Originale lese

Ich bin ein Fan der englischen Sprache. Ich finde, sie ist eleganter, flüssiger als das irgendwie kantige Deutsch. Außerdem ist der Vokabelumfang der Sprache größer und die damit möglichen Ausdrücke feiner nuanciert. Das ärgerliche daran ist, dass mir sehr wohl bewusst ist, dass ich Englisch nie annähernd so gut verstehen werden wie deutsch. Lese ich englische Version, dann habe ich Reibungsverluste, weil ich nicht alles verstehe und richtig einordne, lese ich deutsch, muss ich mit teils entstellenden Übersetzungen leben.
Bei anderen Sprachen bin ich leider auf Übersetzungen angewiesen (komm hier ja keiner auf den Gedanken, ich könnte Simone de Beauvoir im Original lesen).
Der Ärger mit deutschen Übersetzungen geht ja häufig schon beim Titel los, und das ist nicht nur bei James Bond Filmen so. Bei Büchern frage ich mich häufig, was die Verlage dazu treibt, den Titel völlig sinnverfälschend zu übersetzen. Ich finde, der Titel den ein Autor für sein Werk gewählt hat sagt auch viel über dieses aus, er setzt damit automatisch einen Schwerpunkt. Ein Beispiele: zur Zeit lese ich "Der Geschichtenverkäufer" von J. Gaarder. Ich kann natürlich kein Norwegisch, aber "Sirkusdirektorens datter" hört sich für mich so an, als wäre "Die Tochter des Zirkusdirektors" die korrekte Übersetzung.
Der grausamste Fall von entstellender Übersetzung ist mir begegnet, als ich in einer deutschen Fassung von "Catcher in the Rye" geblätter habe. Im Original regt sich der Ich-Erzähler darüber auf, dass egal wo man hingeht, immer jemand vor einem da war und irgendwo "Fuck" an die Wand geschmiert hat. In der Übersetzung wird daraus dann "F.". Das F-Wort ist scheinbar sowieso die am schwersten zu übersetzende Vokabel. Ist ja auch irgendwie komisch, dass ausgerechnet die -wenn auch schmutzige- Bezeichnung für den Geschlechtsverkehr der Universalfluch der englischen Sprache ist. Irgendwie zeugt das von einem ziemlich schiefen, unnatürlichen Verhältnis zur Sexualität.
Weitere Beispiele dazu und zu Übersetzungsproblemen im Allgemeinen finden sich in "Phases of Gravity" bzw. "In der Schwebe": ""Well, fuck'em all," Dave had said laconically, thus going down - at least for the astronaut corps - into the program record for the first live-mike use of that particular pilot's term." Ist übersetzt mit ""Nun, scheiß auf sie alle", hatte Dave lakonisch gesagt und fand damit - zumindest für das Astronautencorp - Eingang ins Rekordbuch des Programms als erster, der diesen speziellen Pilotenausdruck live über Mikrofon gebrauchte." Scheiß auf sie alle ist da noch die passendste Übersetzung des F-Wortes, die ich gefunden habe. Weiter ist allerdings program record mit Rekordbuch ziemlich mies übersetzt - die Chronik des Programms wäre wohl besser. Das die Kurzform Live-Mike auf deutsch nicht funktioniert, ist wohl Schicksal. Aber ich meine, that particular pilot's term ist mit diesem speziellen Pilotenausdruck unpassend übersetzt, es ist wohl eher dieser besondere Pilotenausdruck oder vielleicht sogar dieser gebräuchliche Pilotenausdruck.
Zweites Beispiel, am Ende des Uncompahgre Kapitels: ""It fucks up the celebration"" mit ""Es vermasselt die Feier"" zu übersetzten, finde ich doch traurig. Zumindest "Es versaut die Feier" hätte drin sein sollen. Weiter: ""Your mind's really fucked, you know that, man?"" wird zu ""Ihr Denken ist echt total versaut, Mann, wissen sie das?"". Ich kann nicht sagen, wie man es besser übersetzen kann. Aber so trifft es doch recht deutlich daneben.
Ohne Fuck, aber totzdem komisch übertragen ist "Grab your socks and kiss your ass goodbye", das wird zu "Schnappt eure Socken und sagt eurem Arsch lebwohl" - was ja soweit okay ist, nur wo kommt der Plural her?
Weiteres Beispiel: ""No, people who trade their brains in for sacred truths that can be boiled down to poster slogans."" Wird zu ""Nein, Leute die ihr Hirn gegen heilige Wahrheiten eintauschen, die letztlich auf Plakatslogans hinauslaufen"". Knirscht einfach ein bisschen.
Auch bei "Of mice and men" kann die deutsche Übersetzung mich nicht begeistern. Bei diesem Buch, wie auch bei "Catcher in the Rye" fällt mir auch auf, dass man als nicht-muttersprachler manchmal auch Vorteile hat. Beide Bücher setzten ja ganz bewusst Slang Ausdrücke ein. Im englischen liest sich das auch gut für mich, die deutsche Übersetzung jedoch wirkt irgendwie altbacken. Die vermeintlich coole Jugendsprache in "Der Fänger im Roggen" wirkt total aufgesetzt, und das liegt wahrscheinlich hauptsächlich daran, dass die Jugend heute, ein paar Jahrzehnte nach der Übersetzung, ganz anders spricht. Wahrscheinlich spricht auch ein englischer Jugendlicher schon lange nicht mehr so wie in dem Salinger Original, aber da ich an der Entwicklung der englischen Umgangssprache praktisch nicht teilnehme, fällt mir das überhaupt nicht auf.


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